Ukraine ohne Schutzschild
Russland setzt die Ukraine verstärkt mit ballistischen Raketen unter Druck. Laut ukrainischer Luftwaffe wurden im Juli nur etwa 15 Prozent abgefangen, während die UN einen Anstieg der getöteten Zivilisten um 37 Prozent meldet.

Die ukrainische Luftverteidigung gerät bei russischen Angriffen mit ballistischen Raketen immer stärker an ihre Grenzen. Besonders in Kiew, das lange als vergleichsweise gut geschützt galt, fehlt es laut Berichten derzeit an entscheidender Munition für das Patriot-System. Gemeint sind vor allem die PAC-3-Abfangraketen, die speziell zur Abwehr ballistischer Flugkörper gedacht sind.
Während Drohnen und Marschflugkörper laut ukrainischen Angaben oft noch mit Quoten zwischen 70 und 90 Prozent abgefangen werden, sieht es bei ballistischen Raketen deutlich schlechter aus. Nach Angaben der ukrainischen Luftstreitkräfte konnten im Juli nur etwa 15 Prozent dieser Angriffe gestoppt werden. Die Folgen sind gravierend: Nach UN-Angaben stieg die Zahl getöteter Zivilistinnen und Zivilisten zuletzt um 37 Prozent.
Kaum Munition, kaum Alternativen
Die Leiterin der UN-Beobachtermission in der Ukraine, Danielle Bell, spricht von einem alarmierenden Eskalationstrend. Aus Kiew kommen deshalb fast täglich neue Forderungen nach zusätzlicher Luftverteidigung. Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte zuletzt erklärt, die Ukraine brauche bis zum Winter 300 Abfangraketen.
- Benötigt werden vor allem PAC-3-Raketen für Patriot-Systeme
- Nur 14 Staaten weltweit nutzen diese Abfangraketen
- Eine eigenständige Produktion außerhalb der USA ist bisher nicht etabliert
Produktion bleibt der Engpass
Nach Einschätzung von Experten ist schnelle Hilfe jedoch schwierig. Hersteller Lockheed Martin hat den Nutzern der PAC-3-Raketen bislang keine echte Produktionslizenz erteilt. Damit bleiben die Länder von den USA abhängig. Das europäisch-ukrainische Luftverteidigungsprojekt „Freyja“ soll langfristig helfen, steckt aber noch ganz am Anfang. Eine erste Testphase ist erst für das kommende Jahr vorgesehen, bis zur Einsatzreife dürften mehrere Jahre vergehen.
Hinzu kommt die angespannte Lagerlage: Laut Center for Strategic and International Studies liegen die amerikanischen Bestände derzeit bei rund 800 PAC-3-Raketen, vor dem Krieg gegen Iran waren es etwa 2.300. Im vergangenen Jahr wurden in den USA 620 Stück produziert. Selbst um die US-Bestände wieder auf das frühere Niveau zu bringen, wären demnach rund zweieinhalb Jahre nötig. Für die Ukraine heißt das vorerst: weiter Druck machen, obwohl schnelle Lieferungen kaum realistisch wirken.