Abschied vom Gipfelrausch
Die Schweizer Bergsteigerin Evelyne Binsack, Pionier Albin Schelbert und Filmemacher Frank Senn blicken auf extreme Expeditionen zurück. Im Fokus stehen Natur, Überfüllung am Everest und der persönliche Bruch mit dem Extremen.

Vom Triumph auf den höchsten Bergen zur kritischen Rückschau: In einer SRF-Sommerserie haben Evelyne Binsack, Albin Schelbert und Dokumentarfilmer Frank Senn über die Folgen extremer Expeditionen gesprochen. Dabei ging es nicht nur um Rekorde und Grenzerfahrungen, sondern auch um die Frage, welchen Preis Mensch und Natur dafür zahlen.
Der Moment, der alles veränderte
Für Binsack war ein Erlebnis am Nordpol entscheidend. Dort wurde ein Eisbär von einem Teammitglied erschossen – für die Bergsteigerin ein Schock, der ihren Blick auf Expeditionen grundlegend verändert habe. Die erste Schweizerin auf dem Mount Everest schilderte, dass ihr in diesem Moment bewusst geworden sei, wie stark solche Unternehmungen in die Natur eingreifen. Später zog sie daraus persönliche Konsequenzen: Extreme Expeditionen gehören für sie der Vergangenheit an.
Der eigentliche Wendepunkt habe jedoch schon früher eingesetzt. Auf ihrer Route von der Schweiz bis zum Südpol, die sie zwischen 2006 und 2008 aus eigener Muskelkraft zurücklegte, sei sie körperlich und mental ans Limit gekommen. Gerade dort habe sie erkannt, dass sie für sich selbst nichts mehr beweisen müsse. Heute arbeitet Binsack als Bergführerin und ist mit Vorträgen und Coachings unterwegs.
Kritik an Everest-Boom und Gipfeljagd
Auch Albin Schelbert blickt mit Distanz auf die Szene. Der 1934 geborene Bergsteiger, der 1960 als Erster den Dhaulagiri bestieg, stellt die Fixierung auf die immer gleichen Ziele infrage. Aus seiner Sicht wäre es reizvoller, weniger bekannte und noch unbestiegene Berge im Himalaja ins Visier zu nehmen, statt sich nur auf den höchsten Gipfel zu konzentrieren.
Frank Senn, der monatelang in Camps am Everest für Dokumentarfilme arbeitete, beschreibt den höchsten Berg der Welt als Schauplatz von Überfüllung und wachsendem Helikopterverkehr. In diesem Zusammenhang entstand auch seine Reihe „Wahnsinn am Everest“. Gleichzeitig verweist Senn auf den wirtschaftlichen Blick in Nepal, wo der Andrang als florierendes Geschäft gesehen werde. Sichtbar sei aber auch der Klimawandel: Der Khumbu-Gletscher habe sich deutlich zurückgezogen.
- Binsack: Abschied von Extremexpeditionen nach Schlüsselerlebnissen an Nord- und Südpol
- Schelbert: Kritik an der Jagd nach immer denselben Gipfeln
- Senn: Warnung vor Überfüllung am Everest und sichtbaren Klimafolgen
Foto: Wikimedia Commons / MARE505, CC BY-SA 4.0