Urteil nach Genua-Drama
Acht Jahre nach dem Einsturz der Morandi-Brücke in Genua ist der frühere Autobahn-Manager Giovanni Castellucci zu 12 Jahren Haft verurteilt worden. Für viele Betroffene ist das Urteil wichtig, aber deutlich zu milde.

Acht Jahre nach dem Einsturz der Morandi-Brücke in Genua gibt es ein erstes großes Urteil: Der frühere Autostrade-per-l’Italia-Chef Giovanni Castellucci muss für zwölf Jahre ins Gefängnis. Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass Mängel bekannt waren und Arbeiten an dem später kollabierten Pfeiler verschoben wurden. Beim Unglück im August 2018 kamen 43 Menschen ums Leben.
Zwischen Erleichterung und Wut
Für viele Betroffene ist die Entscheidung ein Schritt, aber kein echter Schlusspunkt. Der Anwohner Giuseppe Rodinò, der 40 Jahre lang unter der Brücke lebte, spricht von gemischten Gefühlen: positiv, weil überhaupt ein Urteil gefallen ist – und enttäuschend, weil die Strafe aus seiner Sicht zu niedrig ausfällt. Die Staatsanwaltschaft hatte 18 Jahre Haft für Castellucci gefordert.
Rodinò erlebte den Einsturz damals von zu Hause aus mit. Er sah, wie ein großer Teil der Fahrbahn abriss und Fahrzeuge in die Tiefe riss. Nach dem Unglück suchten Rettungskräfte tagelang in den Trümmern nach Überlebenden. Für ihn und viele andere veränderte der Einsturz alles: Rund 700 Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen, viele verloren einen Teil ihres Besitzes endgültig unter den später gesprengten Brückenresten.
57 Angeklagte vor Gericht
Der Prozess begann erst vier Jahre nach der Katastrophe und zog sich dann nochmals vier Jahre hin. Insgesamt standen 57 Menschen vor Gericht, darunter vor allem Führungskräfte des Betreibers, aber auch Beschäftigte des italienischen Infrastrukturministeriums.
- 25 Angeklagte wurden freigesprochen
- Die übrigen erhielten zusammen fast 200 Jahre Haft
- Das liegt etwa bei der Hälfte dessen, was die Staatsanwaltschaft verlangt hatte
Die Anklage wirft dem Betreiber vor, Wartung vernachlässigt zu haben, um Geld zu sparen und Gewinne zu sichern. Die Verteidigung hielt dagegen, es habe sich um versteckte Baumängel gehandelt, die nicht erkennbar gewesen seien. Für viele Opfer ist das Urteil deshalb zwar wichtig – aber wohl noch nicht das letzte Kapitel in der Aufarbeitung der Katastrophe von Genua.
Foto: Wikimedia Commons / Maurizio Lupi from Milano, Italia, CC BY 2.0