KI-Briefe fluten Jobcenter
In deutschen Jobcentern steigt die Zahl der Widersprüche gegen Bürgergeld-Bescheide stark an. Behörden vermuten hinter vielen langen, fehlerhaften Schreiben KI-Tools, die für mehr Arbeit sorgen.

Deutschlands Jobcenter bekommen immer mehr Post von Bürgergeld-Empfängern, die gegen ihre Bescheide vorgehen wollen. Dabei fällt laut mehreren Behördenleitern vor allem die Machart vieler Schreiben auf: umfangreich, juristisch klingend und voll mit Paragrafen. Der Verdacht: Ein Teil dieser Widersprüche wurde mit Künstlicher Intelligenz erstellt. Für Betroffene kann das praktisch sein, weil ein Einspruch schnell formuliert ist. In den Ämtern wächst dadurch aber der Aufwand.
Viele Schreiben, viele Fehler
Offizielle Zahlen dazu, wie viele Widersprüche tatsächlich von KI stammen, gibt es bisher nicht. Weder Jobcenter noch Bundesagentur für Arbeit oder Bundesarbeitsministerium erfassen das gesondert. Klar ist aber: Die Gesamtmenge ist hoch. 2023 wurden 501.667 Widersprüche registriert, im laufenden Jahr waren es zur Jahresmitte schon mehr als 300.000. Als Gründe nennen Behörden neben digitalen Hilfsmitteln auch die seit 2022 geänderten Regeln beim Bürgergeld. Allein damit sei der starke Anstieg nach Einschätzung der Verantwortlichen aber nicht komplett zu erklären.
Mehrere Jobcenter-Chefs berichten, dass viele dieser neuen Schreiben zwar professionell wirken, bei genauerem Hinsehen aber rechtlich schwach sind. Genannt werden etwa unpassende Paragrafen oder Begründungen ohne echte Erfolgsaussicht. Das Problem für die Behörden: Jeder einzelne Widerspruch muss geprüft werden, auch wenn Fehler offensichtlich sind. Eine automatische Gegenkontrolle mit KI ist in den Jobcentern derzeit nicht vorgesehen.
Neue Anbieter wittern ein Geschäft
Parallel entstehen im Netz neue Angebote rund um Sozialbescheide. Genannt werden unter anderem Jobsi, DocuGov.ai und AnalyzeBuddy. Sie versprechen Hilfe beim Prüfen von Bescheiden und beim Formulieren von Widersprüchen, teils kostenlos in einer Basisversion, teils gegen Bezahlung. Belastbare Erfolgsquoten fehlen allerdings. Bei mehreren Angeboten wurden laut Bericht außerdem Mängel festgestellt.
- teils fehlendes Impressum
- schwer auffindbare Hinweise, dass keine Rechtsberatung stattfindet
- keine belastbaren Erfolgsstatistiken
Für Bürgergeld-Bezieher bleibt die Lage damit zwiespältig: KI kann das Formulieren erleichtern, erhöht aber nicht automatisch die Erfolgschancen. Laut Quelle sind nur rund 31 Prozent der Einsprüche erfolgreich. Wer sich auf automatisch erzeugte Schriftsätze verlässt, riskiert also am Ende vor allem eins: viel Papier, aber wenig Wirkung.
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