JETZT LIVE
Musik & Film27. Juli 2026, 09:02 Uhr · von Redaktion

Bayreuth setzt neues Zeichen

Bei den Bayreuther Festspielen ist die Gedenkveranstaltung „Verstummte Stimmen“ zu einem zentralen Moment der Eröffnung geworden. Publizist Michel Friedman lobte in Bayreuth den Kurs von Festspielleiterin Katharina Wagner und warnte vor Gefahren für die Demokratie.

Bayreuth setzt neues Zeichen

Die Bayreuther Festspiele haben ihr 150. Jubiläum nicht nur mit Glanz und Prominenz eröffnet, sondern auch mit einem deutlichen Signal in Richtung Erinnerungskultur. Im Mittelpunkt stand die Gedenkveranstaltung „Verstummte Stimmen“, die den während der NS-Zeit verfolgten Künstlerinnen und Künstlern des Festivals gewidmet ist. Neben einem Festkonzert am Vorabend und der Premiere von „Rienzi“ am zweiten Festspieltag wurde sie zu einem der wichtigsten Momente des Auftakts.

Erinnern auf dem Grünen Hügel

Nach organisatorischen Turbulenzen fand die Veranstaltung am 26. Juli auf der Bühne des Festspielhauses statt. Zuvor besuchte der deutsch-jüdische Publizist Michel Friedman gemeinsam mit Festspielleiterin Katharina Wagner und Mitgliedern der jüdischen Gemeinde die gleichnamige Ausstellung im Park der Festspiele. Direkt an der Wagnerbüste erinnern graue Stelen an jüdische Künstler, die in Bayreuth einst wirkten und später ermordet, verfolgt oder unterdrückt wurden. Ein Kantor sprach ein Gebet für die Toten, außerdem wurden ihre Namen verlesen.

Von der Bühne aus würdigte Friedman besonders den Umgang mit diesem Kapitel der Festivalgeschichte. Er betonte, dass Katharina Wagner die Erinnerungskultur in Bayreuth verändere. Damit setzte er die Leitlinie für einen Eröffnungsauftakt, bei dem Geschichte, Kunst und Gegenwart eng ineinandergriffen.

Friedman warnt vor gefährlicher Bequemlichkeit

In seiner mehr als einstündigen Rede blieb Friedman nicht bei der Vergangenheit stehen. Der 70-Jährige, dessen Familie im Holocaust fast vollständig ausgelöscht wurde, sprach vor allem über die Gegenwart: über die Mechanismen von Menschenhass, über gesellschaftliche Passivität und über eine Demokratie, die er als bequem und angegriffen beschrieb. Sein Appell: Menschen müssten zu aktiven Zeugen ihrer eigenen Zeit werden, bevor es erneut zu spät sei.

  • Gedenkfeier „Verstummte Stimmen“ als zentrales Eröffnungsereignis
  • Besuch der Ausstellung mit Mitgliedern der jüdischen Gemeinde
  • Rede mit Warnung vor Gleichgültigkeit und Angriffen auf Vielfalt

Auch der gesellschaftliche Rahmen fiel groß aus: Zum Jubiläum kamen unter anderem Bundeskanzler Merz, Ex-Kanzlerin Angela Merkel, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sowie weitere Gäste aus Politik und Öffentlichkeit nach Bayreuth. Im Saal trafen sie nicht nur auf das aktuelle Festival, sondern auch auf ein großes Graffiti des ungarischen Street-Art-Künstlers Adam Heat, das die Bayreuth-Prominenz aus anderthalb Jahrhunderten ins Bild setzte. So wurde die Eröffnung zu einer Art Zeitkapsel – zwischen Musikfest, Staatsakt und Mahnung.