Ärger um Attest ab Tag eins
Die geplante Verschärfung bei Krankschreibungen sorgt weiter für Streit. Jetzt kommt der Widerstand nicht mehr nur von Ärzten und Gewerkschaften, sondern auch aus Union und SPD.

Die geplante Reform der Krankschreibung bringt die schwarz-rote Koalition zunehmend selbst unter Druck. Vor allem die Idee, schon ab dem ersten Krankheitstag verpflichtend ein Attest vorzulegen, stößt inzwischen nicht mehr nur bei Gewerkschaften und Ärzten auf Widerstand. Auch aus den Reihen von Union und SPD kommen deutliche Zweifel.
Dennis Radtke, Vorsitzender des CDU-Arbeitnehmerflügels CDA, hält die Debatte laut Spiegel für politisch unverhältnismäßig. Aus seiner Sicht droht ein insgesamt positives Reformpaket durch den Streit über die Krankschreibung überlagert zu werden. Ähnlich kritisch äußerte sich Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach von der CSU. Sie sieht in der Abschaffung der telefonischen Krankschreibung vor allem mehr Bürokratie. Der mögliche Effekt sei begrenzt, weil nur etwa ein Prozent der Krankschreibungen telefonisch erfolge.
Kritik auch wegen Mehrbelastung für Praxen
Gerlach warnt zudem vor zusätzlichem Druck auf Hausarztpraxen. Dort werde in Zukunft ohnehin mehr zu tun sein, deshalb brauche es bei neuen Regeln ein Vorgehen mit Augenmaß. Auch der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Stefan Schwartze von der SPD, hält die Pläne für problematisch. Gerade bei vielen Krankheitsbildern sei der Weg in die Praxis unnötig belastend und könne das Risiko von Ansteckungen erhöhen.
Hintergrund der Debatte sind steigende Zahlen bei den gemeldeten Krankheitsausfällen. Nach Daten der Betriebskrankenkassen stiegen die Arbeitsunfähigkeitstage je versichertem Beschäftigten von 18 Tagen im Jahr 2016 auf 22 Tage. Ein erheblicher Teil dieses Anstiegs hängt laut Experten mit der seit 2022 verpflichtenden elektronischen Arbeitsunfähigkeitsmeldung zusammen. Dadurch werden Krankmeldungen automatisch aus den Praxen an die Kassen übermittelt, die früher teils gar nicht erfasst wurden.
Daneben gibt es aber auch eine tatsächlich höhere Krankheitslast. Besonders Atemwegserkrankungen legten seit 2021 deutlich zu und blieben auf hohem Niveau. Eine Rolle spielt dabei auch Covid-19, das vor 2020 noch kein Faktor war. Nicht in den Kassenstatistiken auftauchen allerdings jene Krankmeldungen, die nur per Anruf beim Arbeitgeber erfolgen. Schon heute verlangen manche Unternehmen ohnehin ab dem ersten Tag eine ärztliche Bescheinigung.