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Politik4. November 2026, 07:02 Uhr · von Redaktion

Vucic weg, Nationalismus bleibt

Nach der Wahl in Serbien hoffen viele auf einen demokratischen Neustart. Doch laut der Aktivistin Natasa Kandic bleiben nationalistische Haltungen, die bis in die Kriege der 90er zurückreichen, ein zentrales Problem.

Vucic weg, Nationalismus bleibt

Foto: Voice of America / Wikimedia Commons, Public domain

In Serbien ist nach der Wahl zwar von Aufbruch die Rede, doch ein Ende des Nationalismus ist damit noch lange nicht garantiert. Vertreterinnen und Vertreter der neu gewählten Studierendenliste betonten in ersten Reaktionen zwar ihr Interesse an guten Beziehungen zu den Nachbarländern. Gleichzeitig gibt es aber auch in diesem Lager Positionen, die im In- und Ausland Sorge auslösen.

Die Menschenrechtsaktivistin Natasa Kandic, eine der bekanntesten Stimmen für die Aufarbeitung der jugoslawischen Zerfallskriege, sieht genau darin ein zentrales Problem. Sie kritisiert unter anderem Haltungen wie die Ablehnung der Unabhängigkeit des Kosovo oder das Leugnen des Genozids von Srebrenica. Auch bei den Protesten seien nationalistische Transparente und Parolen immer wieder sichtbar gewesen.

Alte Erzählungen wirken weiter

Nach Einschätzung von Kandic reichen diese Denkmuster weit über die Ära von Aleksandar Vucic hinaus. Ihre Wurzeln liegen in den 1990er-Jahren, als Serbien in die Kriege in Kroatien, Bosnien und im Kosovo verwickelt war. Zwar wurde Slobodan Milošević im Jahr 2000 gestürzt, einen echten politischen und gesellschaftlichen Bruch habe es danach aber nicht gegeben. Stattdessen habe sich in Politik und Verwaltung personelle Kontinuität gehalten.

  • Kein klarer Bruch nach dem Sturz von Milošević
  • Nationalistische Weltbilder bleiben in der Gesellschaft präsent
  • Offene Debatten über Kriegsverbrechen sind bis heute schwierig

Junge Generation ohne Aufarbeitung

Kandic macht den Studierenden dabei keinen pauschalen Vorwurf. Ihrer Ansicht nach sind sie in einem Umfeld groß geworden, das ihnen kaum Wissen über die Kriege der 90er vermittelt hat. In den Schulen sei die Vergangenheit nicht ausreichend behandelt worden, während Medien gleichzeitig Kriegsverbrecher verherrlicht hätten. Deshalb sei es unfair, von der jungen Generation zu erwarten, all das nun im Alleingang nachzuholen.

Wenn es einer neuen Regierung gelinge, zunächst die Demokratie zu stärken, wäre das aus ihrer Sicht bereits ein wichtiger Schritt. Erst dann könnte Raum für eine ehrlichere Auseinandersetzung mit der Vergangenheit entstehen. Noch ist das laut Kandic kaum möglich: Wer öffentlich Kritik äußert, werde diffamiert oder sogar körperlich angegriffen. Ein grundlegender Wandel zeichnet sich deshalb vorerst nicht ab.

Quelle: SRF