Schweiz im Neonazi-Fokus
Ermittlungsakten aus Deutschland legen nahe, dass der Schweizer Ableger von Blood and Honour wichtiger ist als bisher bekannt. Demnach soll die Schweiz in den 2010er-Jahren als Ausweich- und Knotenpunkt des Neonazi-Netzwerks gedient haben.

Foto: Swiss Federal Chancellery (FC) / Wikimedia Commons, Public domain
Der Schweizer Ableger von „Blood and Honour“ soll laut Ermittlungsakten aus Deutschland eine deutlich grössere Rolle gespielt haben als bisher öffentlich bekannt. Die Unterlagen stammen aus Strafverfahren gegen Verdächtige, die in den 2010er-Jahren aktiv gewesen sein sollen. Demnach war die Schweiz für das internationale Neonazi-Netzwerk nicht nur Rückzugsort, sondern offenbar auch ein Ort, von dem aus Einfluss auf Strukturen im Ausland genommen wurde.
Musik als Strategie
Aus den Akten geht hervor, dass Konzerte in Unterwasser im Toggenburg Teil eines grösseren Plans gewesen sein sollen. Das Projekt trug demnach den Namen „Reunion28“ – eine Anspielung auf die Buchstaben B und H. Für Fachleute zeigt das: Musik diente nicht nur der Szene-Pflege, sondern auch der Vernetzung und Rekrutierung. Der Rechtsextremismusforscher Alexander Ritzmann beschreibt „Blood and Honour“ nicht als reinen Konzertveranstalter, sondern als Neonazi-Organisation mit dem Ziel, zu wachsen und ihre Ideologie zu verbreiten.
Die Ermittler schreiben laut SRF, dass nach dem Verbot der Organisation in Deutschland bestehende Strukturen im Ausland genutzt worden seien. Genannt werden dabei mehrere Länder:
- Schweiz
- Österreich
- Ungarn
Besonders brisant: Personen aus oder in der Schweiz sollen laut den Akten „entscheidenden Einfluss“ gehabt haben. Das habe sich demnach bei internen Entscheidungen, beim Wiederaufbau von Strukturen und sogar beim Vertrieb von CDs gezeigt. Auch bei der Besetzung von Leitungsfunktionen sollen Schweizer Kader mitgeredet haben.
Spuren nach Tuggen und ins Wallis
Die Spuren führen laut Recherchen an den Oberen Zürichsee rund um Tuggen, ins Zürcher Oberland und ins Wallis. Zusätzliche Aufmerksamkeit bekam die Szene zuletzt durch den Fall in Tuggen: Nach einem Konzert der deutschen Band „Krawallbrüder“ kam es im Lokal „The Bandits“ zu einer tödlichen Auseinandersetzung. Ein 27-jähriger Deutscher starb, ein 42-jähriger Schweizer, der dem Netzwerk angehören soll, sitzt in Untersuchungshaft. Als möglicher Auslöser des Streits gilt laut SRF das Zeigen des Hitlergrusses durch mehrere Beteiligte.
Auch Kleidung spielt in der Szene offenbar eine besondere Rolle. Wer mit einem Shirt von „Blood and Honour Zürich“ auftrete, gelte nicht einfach als Fan, sondern als anerkannter Teil des Netzwerks. Genau dieser Punkt unterstreicht, wie organisiert und abgeschottet die Strukturen laut den vorliegenden Akten gewesen sein sollen.
Quelle: SRF