JETZT LIVE
Musik & Film2. Oktober 2026, 13:01 Uhr · von Redaktion

Doku „Naza“ schockt Israel

Der Dokumentarfilm „Naza“ sorgt nach seiner Premiere in Venedig für heftige Debatten. 24 anonyme Insider aus Militär und Geheimdiensten schildern, wie im Gaza-Krieg zivile Todesopfer offenbar als kalkulierbarer Wert behandelt wurden.

Doku „Naza“ schockt Israel

Foto: Family Collection R.M. Jaarsma (grandson), permission to post / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Mit „Naza“ kommt ein Dokumentarfilm ins Kino, der in Israel eine besonders heikle Debatte auslöst. Im Zentrum stehen Aussagen von 24 anonymen Angehörigen des Militärs und der Geheimdienste, die schildern, wie im Gaza-Krieg Ziele ausgewählt worden seien – und wie zivile Opfer dabei offenbar als berechenbarer Teil der Einsatzplanung mitliefen.

Der titelgebende „Naza-Wert“ soll laut Film ein militärisches Akronym sein, das die erwartete Zahl ziviler Todesopfer bei einem Angriff auf einen Hamas-Kommandanten angibt. Nach Darstellung der Informanten hätten Werte unter 20 keine besondere Genehmigung gebraucht. In einem Fall sei sogar ein Wert von 500 freigegeben worden. Genau diese Aussage gilt allerdings als besonders umstritten.

Krieg als Datenprozess

„Naza“ zeigt das Töten laut den Schilderungen der Hinweisgeber als technisch organisierten Vorgang. Demnach soll ein KI-System Telekommunikationsdaten auswerten und berechnen, wie wahrscheinlich eine Person zur Hamas gehört. Zielpersonen seien über Mobiltelefone geortet und häufig nachts in ihren Wohnungen angegriffen worden. Mehrere Gesprächspartner sagen, dass dabei auch Nachbarn, frühere Hamas-Mitglieder sowie Frauen und Kinder getötet worden seien.

  • Laut Film lag die bewusst akzeptierte Fehlerquote bei der KI-Auswahl bei 15 Prozent.
  • Ein Informant beschreibt das Töten als emotional belohnend, weil damit eine Mission erfüllt worden sei.
  • Das israelische Militär weist zentrale Vorwürfe zurück.

Applaus in Venedig, Wut in Israel

Neu ist an den Vorwürfen nicht alles. SRF-Auslandsredaktorin Anna Trechsel hält die Schilderungen grundsätzlich für plausibel, verweist aber darauf, dass Teile der Erkenntnisse bereits auf früheren Recherchen von Regisseur Yuval Abraham und dem „Guardian“ beruhten. Schwer überprüfbar bleiben die Aussagen trotzdem, auch weil alle 24 Quellen anonym auftreten. Abraham und der „Guardian“ erklären, die Angaben seien verifiziert worden.

Seit der Premiere bei den Filmfestspielen von Venedig hat sich der Streit weiter verschärft. Dort wurde der Film mit fast 25 Minuten Standing Ovations gefeiert, das Regie-Duo Abraham und Rachel Szor erhielt zudem einen Spezialpreis der Jury. In Israel fielen die Reaktionen deutlich härter aus: Für viele sei es ein Schock, eigene Soldaten in dieser Offenheit reden zu hören. Laut SRF empfinden manche den Film deshalb als Verrat.

Quelle: SRF